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Weihnachten
von Dietrich von Oppeln
geschr. am 19./20.12.02
 
Liebe Marion, Du hast es angeregt und kaum hast es getan, schon fing ich in meinem Kopf an, laut zu sprechen, zu formulieren ... was sage ich zu Jesus, was sage ich heute dazu ... wie dachte ich gestern.
 
Was bedeutet Weihnachten.
 
Für mich ist Jesus sehr persönlich. Natürlich habe ich in der Bibel davon gelesen, schon als Kind, habe in der "Kinderkirche" begierig die Geschichten aufgesogen, dann im Laufe meines Theologiestudiums viel studiert, die Prophezeihungen, die auf ihn hindeuteten, die Quellen, aus denen auch die Evangelisten schöpften.
 
Bei Jesus war es so, und so ist es bei den meisten, die ihn lieben, er entstand als eine Flut in Bildern, erst einmal im Kopf und im Herzen, Bilder, voll mit Gefühlen. So, wie man Bilder sieht, wenn man ein spannendes Abenteuerbuch liest.
 
Dazu kamen die Bilder, die ich sah - ein wunderschöner Mann, mehr als ein Mann, Mannfrau? Sanft, gütig, edel, so war das Gesicht - aber auch so schmerzverzogen, blutüberströmt, bleich und tot. Und dann wieder voll Licht, vergeistigt. All diese äußeren Bilder versuchte ich mit meinen inneren Bildern in Übereinstimmung zu bringen. und so wurde mein Jesus in mir. Und ich liebte ihn. Ich trauerte mit ihm. Ich starb mit ihm und stand mit ihm auf. Das Theologiestudium habe ich abgebrochen: den gefühllosen Wissenschafts-Jesus vom Tübinger Stift wollte ich nicht.
 
Meine Großmutter Aenne liebte ihn auch (die Mutter meiner Mutter). Sie sah ihn nachts in"Gesichten", in Wachträumen, und sie erzählte mir von ihrem Jesus, der zu meinem noch dazukam, und so wurde er zum Heiland.
 
Den Heiland hat niemand richtig verstanden, aber er verstand alle. Er schaute in die Herzen der Menschen und er schaute auch in meines. Da wurde er oft traurig. Er ist auch wegen mir gestorben, wegen meiner Sünden. Ich habe ihn ans Kreuz gebracht.
Aber an Ostern war er fröhlich und ich auch. Wir beide hatten Auferstehung, immer wieder - jedes Jahr.
 
Und an Weihnachten wurde er geboren. Ein so wundervolles Fest. Die Lichter, das Singen ... "Stille Nacht, heilige Nacht ...", es war immer eine heilige Nacht. "Oh, Du fröhliche, oh du selige Weihnachtszeit ...", das war es immer. Meine Mutter und die Mutter von weiteren sechs, die sich auch unendlich freuten, verstand es so grossartig und einfühlsam, in uns und besonders auch in mir, dieses Gefühl der Heiligkeit und Fröhlichkeit zu stärken ... und der Erwartung. Und Großmutti ... nie werde ich es vergessen ... und Großmutti saß in einem Sessel, nahe am lichterglänzenden Weihnachtsbaum, hob andächtig ihre schlanken wundervollen Hände ein wenig und stimmte das erste Lied an, ich gesellte mich mit einer zweiten Stimme hinzu ... und schließlich hatte der Rest der Familie den Mut, mit ihren Stimmen einzufallen ... ganz am Schluß und mit Pausen mein Vater, der sich den Weihnachtsgefühlen, so sehr er es manchmal versuchte, nicht entziehen und endlich etwas entspannen konnte.
 
Jesus - wer bist du?
 
Gestern ging ich das Auto waschen und saugen. Während der Clio sich wohlig in der Waschstrasse der Dusche hingab, blätterte ich in den Zeitschriften im Minishop der Tankstelle. Natürlich fiel mir sofort der neueste "Stern" in die Hände mit der Titelzeile "Jesus - was Forscher heute wissen". Viele Jesusbilder auf dem Titelblatt und ein gotisches Konterfei, so, wie man es kennt, mit goldenem Heiligenschein und vollen Frauenlippen.
Auf Seite 38 links das Bild eines Juden, computergestützt rekonstruiert, Bildunterschrift: "Sieht so ein Gottessohn aus?" (merkwürdig interessante Frage eines Stern-Journalisten: Weiss er denn, wie einer aussieht ...? Er braucht ja zum Vergleich nur in den Spiegel sehn ...). Nein, dieser Mann schaut ängstlich drein, verschreckt. Und dennoch hat es was, dieses Bild. Denn ich selbst habe Jesus in meiner inneren Schau nie so gesehen, wie es die süßlichen Bilder oft glauben und sehen machen wollen.
 
Ich sah ihn als starken Mann, mit klaren Gesichtszügen, Bart und starken Augen, die forsch und bestimmt waren. Kein langhaariger Softie, sondern schon so wie auf diesem Bild - aber sehr, sehr viel ausdrucksstärker und voll Vertrauen. Sein Gesicht und seine Augen leuchteten ganz bestimmt - ein Licht, das Menschen mitunter nicht lange ertrugen.
 
Ich ließ den Stern für einen Moment auf der Eistruhe liegen und schaute nach meinem Clio-Schatz. Er stand bereits trocken und sauber unter den tropfend-hängenden Waschmops und wartete sehnsüchtig auf die Innenreinigung. Ich fuhr ihn aus der Nasszelle und zum Sauggerät, das gierig meine 50-Cent Münze schluckte, um sofort röhrend loszusaugen. Ich wollte möglichst viel aus den 50 Cents machen, und so reinigte ich, was das Zeugs hielt - dachte aber auch da an Jesus und seine Predigt von Vergebung, Wahrheit und die Reinheit des Herzens. Dieses MUSSTE doch in seinem Gesicht zu sehen sein.
 
Der 5-Minuten-Puster war nach drei Minuten aus. Ich warf und dachte über Wahrheit nach - ob man sie wohl je erfuhr? Was die Forscher je erforschen - ist das überhaupt Jesus? Ist Jesus nicht viel eher ein Bild des Herzens als ein historisches? Und - was sie je erforschen werden - sie werden dieses Bild, das individuelle Bild des geliebten Christus - nie löschen können.
 
Nach der Cockpit-Reinigung fuhr ich den Clio noch zur Tanksäule, um ihn - zur Feier des Tages - mit Super Plus zu füllen.
 
Als ich zum Bezahlen ging, lag da noch der Stern. Doch jetzt hatte jemand - mit einem Autoschlüssel oder einem anderen spitzen Gegenstand - im Vorbeigehen zwei tiefe diagonale Schnitte über das Titelbild gezogen, wie, um zu sagen "Weg mit Dir, ich will Dich nicht ...".
 
Ich ging zur Kasse und tauschte den mißhandelten Stern in einen mit intaktem Titelbild. Erst draussen kam mir ein anderer Gedanke. Vielleicht wollte mir auch jemand sagen: "Das bin ich nicht ...". Vielleicht kam der Zimmermannssohn vorbei, von dem man sagte, dass er das Unterste nach oben kehren würde. Nach dessen Tod die Erde bebte, der ein Eiferer war, voll heiligem Zorn. Der Jesus, den letztendlich niemand wollte und will - heute nicht und auch nicht damals. Der mit der tough love, mit der fierce love (Übersetzungsversuch: harte Liebe, unbedingte, wilde Liebe).
 
Der Jesus, den die Christen erst recht nicht wollen, diesen Jeshuah oder Joshua Ha Mashiach, den Jesus, den Gesalbten. Iesous: Griechisch, Jehoshua: Hebräisch, Jeshua:Aramäisch (übersetzt: Gott ist Hilfe/Heil/Rettung).
 
Der Christus, der das Schwert bringt, der die Spreu vom Weizen trennt. Der das Mittelmäßige, Lauwarme und Scheinheilige hasst. Der es ablehnt, als (guter) Meister angeredet zu werden (!!).
 
Der nicht andauernd mit einem sanften "Licht und Liebe" auf den Lippen heilig all-daherwandelte, sondern der böse Geister austrieb (sie bedrohte)und schreckliche Sachen machte, und zwar in ein Krankenhaus in eine Intensivstation ging, einem der dort Liegenden die Hand gab, die Schläuche entfernte und zu ihm sagte: Stehe auf und geh. (Übersetzt heisst das so viel wie: Renne um Dein Leben!).
 
Der sagte: Nicht das, was ihr tut, sondern das, was ihr denkt, ist entscheidend ... was in eurem Herzen ist. Nicht, was ihr tut, sondern, wie ihr es tut ... und was euer Motiv ist ... warum ihr es tut.
 
Weihnachten feiert die Geburt Christi und die Geburt einer neuen Zeit, in der wir direkt und unmittelbar Gott erfahren dürfen. Diese neue Zeit ist geprägt durch die eigene und freie Spiritualität des Menschen, die eigene Essenz, den eigenen Lebenspurpose, die eigene Integrität und Wahrheit zu leben.
 
Mehr denn je suchen die Menschen nach einem tieferen Sinn in ihrem Leben.
 
So wie diese Nacht der Liebe Gottes zu uns geweiht ist, so können wir jeden Tag weihen.
Gott gab uns das Leben als Geschenk, und wir geben ihm/ihr unser Leben zurück, ebenfalls als Geschenk, und zwar das, was wir daraus gemacht haben.
 
Jesus wollte mit seinem Kommen (sein Geschenk) Menschen glücklich machen, indem er ihnen sagte, dass ihnen vergeben ist und dass da ein Gott im Himmel ist, der sie von Herzen liebt, gerne schenkt und auch Geschenke annimmt.
 
Das ist der Sinn von Weihnachten - und so wünsche ich Euch allen von Herzen, dass ihr ihn tief erfahrt.
 
Weihnachten 2002
 
Euer Dietrich von Oppeln

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